Jüdische Hochzeit

Bibliografische Angaben:

Karl Peter Schwarz
Jüdische Hochzeit

Roman | 450 Seiten | Hardcover mit Lesebändchen |
ISBN 978-3-89857-309-2 | 19,80 €

Inhalt:

Sarahs jüdische Familie lebt in naher Zukunft im Ruhrgebiet und in Haifa. Als Journalistin will sie kurz vor dem vermuteten Wahlsieg der Nationalen Partei in Nordrhein-Westfalen den Gefährdungsgrad jüdischer Bürger ermitteln. Außerdem recherchiert sie undercover die Überlebenschancen hunderttausender überflüssiger Menschen in den kommunal kontrollierten Wohnquartieren, die immer mehr Stadtteile im Essener Nord-Westen einbeziehen. Die Menschen sind dort weitgehend sich selbst überlassen und unterliegen einem strengen Bürger-Selbsthilfe-Reglement.

Ein Drohnenangriff auf das Festzelt der Maifeier fordert hunderte Tote und Verletzte. Zu Unrecht werden Muslime und Flüchtlinge beschuldigt. Pogrome und Anschläge zielen auf eine beschleunigte Ratifizierung der Gesetzesvorlage zur Abschiebung aller Muslime, Flüchtlinge und EU-Migranten.

Sarah verliebt sich in den Untergrundaktivisten Hans und gerät in die Schusslinie neofaschistischer und islamistischer Terrorgruppen.

Sarah und die Bewegung Bürgerdemokratie verteidigen die Gegenbeweise mit Waffengewalt gegen paramilitärische Einheiten, die durch V-Leute der bereits unterwanderten Landesregierung geführt werden.

Dokumente und Gefährdete werden nach Haifa ausgeflogen. Dies bringt die Familie Sarahs in höchste Gefahr.

Der Autor Karl Peter Schwarz wurde 1951 in Essen geboren und lebt heute in Burghausen. Nach einer technischen Berufsausbildung studierte er Sonderpädagogik, Sozialpädagogik und Management sozialwirtschaftlicher Betriebe. Promotion an der Universität Duisburg-Essen. Zuletzt Vorstand einer Stiftung des öffentlichen Rechts.

Genre: 

Postmodern dystopischer Roman. Genres lassen sich nicht scharf abgrenzen. Die gegenwärtigen widersprüchlichen Zukunftserwartungen sollen mit dem Werkzeug dystopischer Literatur kritisch hinterfragt werden. 

Diese folgt der nie ruhenden exzessiven Überschreitung von sicher geglaubten Wertesystemen. Technologische Mega-Projekte und die Verdichtung elitärerer Machtmonopole führen zwangsläufig zu immer neuen Formen der Entmündigung und Verdinglichung.

Dystopie experimentiert literarisch in den ökonomischen, technologischen, gesellschafts- und sozialpolitischen Grenzbereichen. 

Während die Mandatsträger in einem selbstgefälligen Zustand der Duldung ihre Kontroll-Immunität genießen, übersehen sie die voranschreitende Zersetzung jeglicher gesellschaftlicher Bindungen. 

Diese dystopische Erzählung konstruiert die larmoyant liebenswürdigen Persönlichkeitsprofile seiner Probanden alltagsadäquat als rational-kritische Fiktion.

Ausgangslage: 

Zukunftsangst dominiert die Köpfe. Viele Bürger verlieren in naher Zukunft jegliches Vertrauen in die staatlichen, religiösen und politischen Institutionen. 

Da die repräsentativen gesellschaftlichen Strukturen und Parteien keinen positiven Beitrag mehr leisten können oder wollen, ist es an der Zeit, über neue oder verschüttete Formen des Widerstandes, der Selbstverteidigung und direkten Bürgerdemokratie nachzudenken. 

Opponierende Bürger setzen sich aufgrund ihrer zunehmend prekären Lebensbedingungen durch illegale Vergeltungsmaßnahmen zur Wehr.

Schließlich wurde bereits vor Jahrzehnten von Schröder, Thatcher und Reagan, der Rückzug des Staates aus seiner sozialrechtlichen Schutzfunktion angekündigt – übersetzt bedeutet das die Freigabe des Krieges von oben gegen unten.

Die literarische Infragestellung bzw. die Aufkündigung des staatlichen Gewaltmonopols greift der aktuellen Tendenz vor, dass Parteien, Regierende und Institutionen sich erpressen und korrumpieren lassen, die Spielregeln der Globalisierung anerkennen und in erster Linie die Interessen der Eliten, oberen Klassen und neuen Mittelschichten schützen und fördern.

Dieser Staatsstreich schleudert jeglichen Kitt aus den fragilen Fugen der bürgerlichen Demokratie in Deutschland, einst gegründet u. a. durch die Mitverantwortlichen an Millionen Todesopfern aus zwei Weltkriegen und einem Völkermord, der seinesgleichen sucht.

Epoche: 

Der Roman spielt in der gegenwartsbezogenen postmodernen, kulturpessimistischen Übergangsepoche voller alltäglicher Spannungen und Spaltungen, in der Gewalt sich zunehmend durchsetzt.

Ein globalisierter Überwachungskapitalismus perfektioniert seine durch Algorithmen gesteuerte Markt-und Produktionsmonopole. 

Die neoliberal geprägte Demokratie soll durch eine Plutokratie ersetzt werden. Der Bonapartismus (vgl. Mussolini oder aktuell Bolsonaro) der Nationalen Partei wird durch Koalitionen mit populistischen linken und rechten bürgerlichen Volksvertretungen legitimiert. 

Kontext:

Auf das vom Grundgesetz her verbriefte Widerstandsrecht in Artikel 20 GG gegen staatliche Willkür und Gewalt, Verletzung der Würde und Gesundheit berufen sich im Roman Einzelgänger, Untergrundorganisationen, Regierungsstellen und Parteien; andere leiten das Recht auf Selbstverteidigung per Gewalteinsatz von der UN-Charta ab.

Die Romanfiguren nutzen oder beauftragen Bürgergerichte, Wehrsportgruppen, Kalifen, V-Leute des Verfassungsschutzes oder paramilitärische Verbände, um in dieser politischen Umbruchsituation die uneingeschränkte nationale Autokratie zu implementieren oder an ihrer Verhinderung mitzuwirken.

Die Gettoisierung ganzer Stadtteile, Massenarbeitslosigkeit, erste Erfolge der Entwicklung von implantierten Menschenmaschinen, ausufernde Cyberkriege, die Zersetzung der EU, die bevorstehende Regierungsübernahme der Nationalen Partei in NRW, Abschiebegesetze gegen Migranten mit islamischen Wurzeln, antisemitische Stimmungen, konkurrierende Freihandelszonen, der Putsch des Marktes verbunden mit exzessiven überwachungskapitalistischen Aktivitäten, Massensuggestion durch Medienpiraterie und die politisch-paramilitärische Unterwanderung der Landesregierung in Düsseldorf provoziert kreative brutal wirksame Formen des Widerstandes und der Vergeltung, da die absterbende liberale Demokratie vom Bürger nur noch als geschäftsführender Ausschuss von Eliten und System-Profiteuren wahrgenommen wird. 

Der Roman führt den Leser in die prekären Lebensverhältnisse der Bevölkerungsmehrheit einer unmittelbar vor uns liegenden nahen Zukunft, geprägt durch künstliche Intelligenz, dauerhaft schwelende Schulden- und Finanzkrisen, imperiale asiatische Wirtschaftspolitik und gesellschaftliche Dekadenz. 

Vor diesem Hintergrund agieren die Protagonisten in ihren spezifischen Lebensräumen, suchen nach Schutz, Vertrauen, Vergeltung, Rache, Solidarität und Liebe. Der Wunsch nach Befreiung aus der Hilf- und Würdelosigkeit lässt sie Bündnisse schmieden und tiefe emotionale Verbundenheit neu erfahren.

Postmoderne Verortung: 

Sarah, die deutschstämmige Tochter eines jüdischen Unternehmers, deren Familie in Haifa und Essen lebt, will als Undercover-Journalistin die politisch-kulturelle Stimmungslage kurz vor dem wahrscheinlichen Wahlsieg der Nationalen Partei in Nordrhein-Westfalen durch Recherche vor Ort beurteilen. 

Das Ruhrgebiet, der jahrhundertealte Schmelztiegel europäischer Migranten, scheint ihr als Seismograph prädestiniert. Sarah treibt die Sorge um, dass Bürger mit jüdischen Wurzeln erneut in einen Hinterhalt geraten könnten. Ihnen will sie ggf. frühzeitig die Auswanderung nach Israel nahelegen. Außerdem plant sie einen Racheakt gegen den Nachkommen eines KZ-Arztes, der in Majdanek und Sobibor medizinische Experimente an Häftlingen durchführte. Dort waren Familienangehörige von Sarah ums Leben gekommen.

Sarah verschafft sich mit gefälschten Papieren Aufnahme in das überwachte Modellprojekt „Wohnquartier Ruhrstadt West“. Dort lebt die Bevölkerung verarmter Stadtteile im Essener Nord-Westen nach dem Prinzip der Pflicht zu einem Bürger-Selbsthilfereglement. Sie erhält ein Zimmer und arbeitet in dem zugehörigen riesigen Sozialkaufhaus.

Neben einer günstigen Versorgung mit Lebensmitteln verpflichten sich die Bewohner zu Arbeitsdiensten in der häuslichen Pflege oder zur Mitarbeit in Kindergärten, Bürgerwehr, Altenheimen, Schulen und Krankenstationen. Mieter leisten Arbeitsdienste in den Instandhaltungskolonnen, die für den Erhalt der Infrastruktur des Wohnquartiers sorgen. 

Digitale Überwachungssoftware berechnet die Sozialleistungsgutschriften und das individuelle Wohlverhalten hunderttausender Bürger, die ggf. jederzeit in die Elendsquartiere abgeschoben werden können.

Sarah verliebt sich in den Untergrundaktivisten und technischen Leiter des Sozialkaufhauses Hans und gerät in die Schusslinie neofaschistischer und islamistischer Terrorgruppen. Der Drohnenangriff auf das Festzelt der Maifeier im Quartier fordert mehrere hundert Tote und Verletzte. 

Der Hass auf Ausländer bricht sich Bahn. Es beginnt die per Gesetz vereinbarte sukzessive Ausweisung der Muslime, Flüchtlinge sowie der Migranten aus EU-Ländern. 

Muslime und Flüchtlinge stehen unter Tatverdacht. Pogrome und Anschläge sollen die Ratifizierung der radikalen Abschiebegesetze der Regierungskoalition unter Führung der Nationalen Partei beschleunigen.

Die regionalen Untergrundorganisationen innerhalb der Bürgerräte-Bewegung, in der Sarahs Lebensgefährte Hans seine Kooperationspartner findet, betrachten alle Parteien als kriminelle Vereinigungen. 

Sie verfügen über Beweismittel und Zeugenaussagen zum Tathergang des Festzeltanschlages, verweigern jedoch die Übergabe der Unterlagen an die Staatsanwaltschaft und geraten so in die Schusslinie der Auftraggeber. 

Der von Sarahs Vater aus Haifa zu ihrem Schutz gesandte ehemalige Mossad-Agent Aaron unterstützt die Untergrundorganisation Bürgerdemokratie bei der Verteidigung der von ihnen sichergestellten Beweismittel, die eine Verwicklung regierungsnaher Dienste in das Festzeltattentat belegen. 

Der bewaffnete Überfall regierungsnaher Paramilitärs gegen die Untergrundorganisation hinterlässt Todesopfer auf beiden Seiten. Ihre knappe Rettung durch die Asylgewährung des nahgelegenen Frauenstifts im Schloss Essen-Borbeck führt zu der Einsicht, dass nur die Flucht nach Haifa den Verlust weiterer Aktivisten und Zeugen verhindern kann.

Sarah gelingt die Kontaktaufnahme zum Jakobinerklub, der im Darknet als Bürgergericht agierend jedermann zur Selbstverteidigung gegen die bürgerfeindlichen Eliten, korrupten Politiker, Unternehmen, Manager, aber auch menschenverachtende Privatpersonen, auffordert. 

Die von Wiedergutmachungsauflagen bis zur Liquidierung reichenden anonymen Vergeltungsaktionen werden vom Bürgergericht als Videobotschaften ins Netz gestellt. Sarahs Interview mit dem anonymen Initiator Fritz wird als Feature in den Medien verbreitet und löst panikartige Reaktionen der Zielgruppen aus. 

Anonyme User aus der stetig wachsende Fangemeinde des Jakobinerklubs übernehmen Sühne- und Vergeltungsaktionen gegen Personen oder Gruppen aus dem im Netz zugänglichen „Verbrecherpool“ , den Fritz und seine Assistentin Zahira anbieten. 

Die gewaltsame Befreiungsaktion von minderjährigen Zwangsprostituierten wird live per Streaming aus dem Duisburger Prostituierten-Milieu gesendet. Die Liquidierung einiger Bewacher trifft auf breite Zustimmung in der Bevölkerung. 

Aaron verliebt sich in die ehemals in Eritrea tätige Missionsschwester Klothildis (Klo), die unter dem Trauma einer Zwangsbeschneidung leidet.

Der im Wohnquartier lebende, bisher als Autist angesehene Audi, verteidigt Sarah beim Überfall gegen die Untergrundorganisation. Sarah lernt so die Rollstuhlfahrer Spinati und Micki kennen, die den Klub der Behinderten im Wohnquartier führen.

Selbst Opfer der ersten Versuchsreihen zur Menschenoptimierung, planen Spinati, Audi und Micki einen Angriff auf das Forschungsinstitut der Transhumanistischen Gesellschaft in Bochum. Sie entführen drei Jugendliche Versuchsprobanden und die zwei verantwortlichen wissenschaftlichen Leiter für einen Tag aus dem Umfeld des Labors. 

Die Jugendlichen sollen über ihr geplantes Schicksal als cyberphysische Systeme aufgeklärt werden, um sich aus der Deprivation der Klinik zu befreien. Sarah nutzt ihre Kontakte zu investigativen Medien und berichtet über das „Menschenzuchtprojekt Lebensborn II“ und der High-Tech-Gebärmutter „Queen Mary“.

Sarah und Aaron flüchten zunächst zur jüdischen Bergarbeiterfamilie Goldtmann nach Duisburg. Ben, Sarahs Großvater, konnte 1943 gemeinsam mit Karl Goldtmann aus dem KZ Sobibor fliehen. Sarah entdeckt Aufzeichnungen verdeckter Liquidierungen von SS Angehörigen während der ersten Nachkriegsjahre, die damals von den beiden Freunden verübt worden waren.

In der Hoffnung auf einen Neubeginn in ihrem Leben, folgt Klo als gefährdete Mitwissende Aaron nach Haifa. Dort rettet sie durch ihren todesmutigen Einsatz Sarahs und Aarons Leben und wird von deren Mutter Lea in die Familie aufgenommen. Von ihren schweren Verletzungen erholt sich Klo nur langsam. 

Durch die Liebe Aarons überwindet Klo ihre physischen und seelischen Barrikaden. Der unverhofften Schwangerschaft Klos folgen Hochzeitsvorbereitungen, die auf allerlei anachronistische Tabus der israelischen Gesetzgebung treffen.

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